Berliner Morgenpost, 5. Juni 2025
von Katrin Lange
Gisela Raff kam 1919 in Lichtenberg zur Welt. Noch heute treibt sie regelmäßig Sport. Manchmal, wenn sie die Zahl sagt, kann sie es selbst nicht begreifen. 106 Jahre wird Gisela Raff am Sonnabend, 7. Juni.
Aber dann sieht sie es wieder mit der ihr eigenen Abgeklärtheit: „Was soll‘s, man muss den Weg weitergehen.“ Auch wenn die Augen nicht mehr richtig mitmachen und sie sich an diesem Tag die Hand in der Tür eingeklemmt hat, sagt sie wenige Tage vor ihrem Geburtstagsfest am Telefon: „Ich habe mir immer gewünscht, alt zu werden.“ Sie wird zu Hause sein und viele Gäste empfangen: ihre Tochter, befreundete Familien mit Kindern und Enkeln und Vertreter des Bezirksamtes. Sie freut sich darauf, sie mag Besuch und vor allem Unterhaltung.
Einen Fernseher hat sie nicht, weil sie nicht mehr gut sieht. Aber der hat auch nie in ihrem Leben eine Rolle gespielt. Manchmal macht sie das Radio an, das Telefon klingelt regelmäßig. Bereits vor einem Jahr hatte die Morgenpost die Seniorin besucht, es wurde ein langes Gespräch über ihr Leben, an das sie sich mit genauen Daten und vielen Anekdoten erinnert.
1919 in Lichtenberg geboren, führten sie viele Stationen, Orte und Wohnungen schließlich nach Dahlem, das zu ihrer Geburt noch nicht zu Berlin gehörte. Die Eingemeindung zu Groß-Berlin fand 1920 statt. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschlug es sie nach Thüringen, wo sie nach einem Lehrgang als Rechnungsführerin in der Landwirtschaft auf einem Gut arbeitete. Erst für den Baron, dann für die Amis und dann für die Russen, wie sie erzählt. Auch diesmal erinnert sie sich sofort wieder daran. Und es ist ihr wichtig zu betonen, dass das alles
ordentliche und anständige Männer waren. Mit einem Urlaubsschein konnte sie nach Eichwalde (Dahme-Spreewald) fahren, wo ihre Eltern ein Haus gebaut hatten. Nach einigen Wohnungen in Wilmersdorf ging es in den Südwesten.
Wie bei dem Besuch vor einem Jahr ist sie sofort wieder ganz präsent am Telefon. Als hätte sie nur auf den Anruf gewartet. Hellwach, mit klarer kräftiger und lebhafter Stimme erzählt sie, wie es ihr so ergangen ist und gerade ergeht. Ihr Leben sei „zufriedenstellend“ berichtet sie, sie habe eine liebe Tochter und viele herzliche Menschen um sich. Sorge macht ihr höchstens, dass am nächsten Tag noch vor dem Sport um 8 Uhr morgens jemand zum Blutabnehmen kommt. „Mir fehlt die Stunde, ich schaffe es nicht, mich an die Zeitumstellung zu gewöhnen“, sagt die Dahlemerin. Warum man das nicht endlich mal sein lasse, regt sie sich auf.
Mit 89 Jahren in einen Sportverein eingetreten
In Bewegung bleiben – das ist offenbar ihr Geheimnis, warum sie immer noch so fit ist. Mit 89 Jahren trat Gisela Raff in einen Sportverein ein, jeden Mittwoch trainiert sie im Verein des Sport-Gesundheitsparks an der Zehlendorfer Clayallee. Sie startet
mit dem Radfahren, dann kommt der Kraftsport und am Schluss geht sie noch in den Gymnastikraum. Bewunderung erwartet sie dafür nicht. Für sie ist es kein Thema: „Man muss sich ja bewegen“, erklärt sie.
Ihr entgeht auch nicht, was in der Welt los ist: „Überall Kriege. Sind die denn alle verrückt geworden?“ Ihr Wunsch ist daher ganz klar: „Dass alle Menschen friedlich miteinander umgehen.“ Und ja, die Augen sollen nicht noch schlechter werden, das wäre ihr ganz wichtig. Es sei schon schwierig, einen Eierkuchen zu braten, wenn sie nicht genau sieht, wie viel Öl in der Pfanne ist. Aber Spinat mit Ei, das geht noch, das kriegt sie hin. Ansonsten kommt regelmäßig eine „Hilfe“ ins Haus, die sie unterstützt und mit der sie Spaziergänge zum Beispiel zur Domäne Dahlem unternimmt. Gerade war Waschtag, eine Maschinenfüllung mit 40 Grad, dass geht noch gut. „Die großen Sachen wäscht meine Tochter.“ Erst Stunden zuvor hatte sie die Klammern im Garten zugereicht, während ihre Hilfe alles auf die Leine gehängt hat. Jetzt freut sie sich, dass die Wäsche schon wieder trocken und einsortiert ist.
Sie habe sich nie beschwert in ihrem Leben, sagt Gisela Raff. Vielleicht gehört auch das zu ihrem Altersgeheimnis. Obwohl das Leben nicht immer einfach war. Seit ihr Mann vor sechs Jahren gestorben ist, lebt sie allein in der Wohnung. Fast 96 Jahre ist er geworden – „das ist ja auch ein schönes Alter“. Gleich nach dem Krieg heirateten sie, 1955 waren sie mit Tochter Evelin zu dritt. Nach vielen Umzügen konnten sie 1968 in Dahlem eine kleine Wohnung kaufen. In der lebt sie noch heute. Ihr Mann war als Polier oder Bauleiter unterwegs, sie blieb zu Hause, nähte und strickte für die Tochter oder verdiente als Aushilfe im KaDeWe oder auf dem Markt dazu. Sie konnte nie lange still sitzen, musste immer in Bewegung sein. Daran hat sich, wie man auch an diesem Tag merkt, ein Leben lang nichts geändert.