tri-mag.de (Website der Zeitschriften triathlon, triathlon training, triathlon special und triathlon knowhow, Szene) | 10. April 2016

Einen Treppchenplatz verdient jeder, der sportlich hoch hinaus will. Denn Treppenläufe fordern den Teilnehmern auch noch die allerletzten Reserven ab. Hochgefühle und grandiose Panoramen belohnen für den mühsamen Run-up.
 


Das Herz rast, die Oberschenkel brennen, man bekommt kaum noch Luft und der Weg will einfach kein Ende nehmen – aber dann endlich kommt es: das unbeschreiblich erhebende Gefühl, es ganz nach oben geschafft zu haben … So schildern all jene den Treppenlauf, die sich in dieser nicht alltäglichen Wettkampfkategorie schon einmal versucht haben.

Treppen, die die Welt bedeuten

Die USA und asiatische Länder führen die Liste der weltweit über 200 Run-ups auf Wolkenkratzer und Türme an. Aber auch Deutschland spielt in der Liga weit oben mit. Die 20 wichtigsten Treppenläufe zwischen Berlin und Ulm sind in der nationalen Treppenlaufserie des Towerrunning Germany e. V. vereint. Gleich mehrere Superlative befinden sich darunter: Den höchsten Kirchturm der Welt kann man beim Ulmer Münsterturm-Lauf erklimmen – mit Adrenalin und Gottes Hilfe geht es über 560 Stufen auf 102 Meter hoch. Im MesseTurm Frankfurt wird Europas höchster Treppenhauslauf ausgetragen. Hier muss man nicht weniger als 61 Stockwerke mit insgesamt 1202 Stufen bezwingen.

Der absolute Gipfel ist aber wohl zweifellos der Sächsische Mt. Everest Treppenmarathon in Radebeul – er gilt als der schwerste und größte Extremtreppenlauf der Welt und zieht jährlich Ultralauferprobte aus der ganzen Welt an. Sage und schreibe 39.700 Stufen zählt die Strecke auf der Spitzhaustreppe. Nebenbei laufen die Extremsportler noch einen Ultramarathon (84,4 Kilometer) und absolvieren dabei in bis zu 24 Stunden die Höhenmeter des Mount Everests – 8.848 Meter in 100 Runden! Wer dieses Abenteuer einmal mitmachen will, muss sich nur noch überlegen, ob er das Ganze allein, im Dreiergespann oder in einer 50er-Tourigruppe „durchleiden“ möchte.

Aber auch für Sportler, die kein Reinhold Messner des Treppenlaufs werden wollen, gibt es genügend Treppenlauf-Gelegenheiten. Es lohnt sich zum Beispiel ein Besuch in Bottrop, Köln, Zwickau, Frankfurt (Oder), Berlin, Hemer und Bad Wildbad.

Intensives Ganzkörper-Workout

Treppenlaufen ist eine der effektivsten Bewegungs­formen, um schnell seine Fitness zu verbessern und Muskelmasse in den Beinen aufzubauen. Denn der Körper muss gegen die Schwerkraft arbeiten und viel mehr Energie für die Bein- und Gesäßarbeit aufwenden als beim normalen Laufen. „Treppenlaufen bedeutet für das Herzkreislaufsystem Maximalbelastung, denn es ist eine anaerobe Aktivi­tät im Kurz- und Mittelzeitausdauer-Bereich, die mit hohen Lactatwerten einhergeht“, erklärt Dr. Robert Margerie, Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin am Zentrum für Sportmedizin Berlin. „Die Oberschenkel-, Waden- und Bauchmuskulatur werden enorm beansprucht“, so der Sportmediziner. Zudem seien die Arme gefordert, weil man sich unterstützend am Geländer hochziehe. Vergleichbar mit dem Berglaufen oder Skilanglauf ist das Treppenlaufen daher ein intensives Ganzkörper-Workout, das Kraft, Ausdauer und Koordination schult. Ebenfalls wissenswert: Treppenlaufen verbrennt etwa doppelt so viele Kalorien wie jeder andere Sport.

Gute Vorbereitung unerlässlich

Margerie rät deshalb, sich auf einen Treppenlauf-Wettkampf gut vorzubereiten und nur gesund an den Start zu gehen: „Wichtig ist es, durch regelmäßiges Laufen, Radfahren und/oder Schwimmen die Grundlagenausdauer aufzubauen. Dazu kommen dann Intervalltraining mit Kurzsprints und Maximalkrafttraining.“ Thomas Dold aus dem Schwarzwald, einer der weltbesten Treppenläufer, empfiehlt auf seiner Internetseite, einmal pro Woche auf einer Treppe zu trainieren – ob in der Natur oder in mehrstöckigen Häusern: „Zu Beginn eine Stufe pro Schritt und wenn das gut geht, zwei Stufen pro Schritt nehmen. Die Intervalldauer kann von 20 Sekunden bis 5 Minuten dauern. Die Anzahl der Intervalle kann dann zwischen 2 und 20 variieren.“

Goldene Regel des Treppenlaufs

Steht man dann an der Startlinie, sollte man sich die wichtigste Regel des Treppenlaufs ins Gedächtnis rufen: Nicht zu schnell loslaufen! Der Puls ist schon nach den ersten 20 Stufen am Limit, deshalb muss man sich seine Kraft gut einteilen. Wer das beherzigt, hat gute Aussichten …


von Dirk Nanni