WELT, 19. September 2023

von Lars Gartenschläger

Plötzlich verliere ich die Lust – Wozu das alles?

Presseartikel als PDF

Ich bin 52 und will nach 20 Jahren meinen zweiten Marathon laufen. Vor fünf Monaten habe ich mit dem Training angefangen. Nun sind es nur noch wenige Tage. Die Schmerzen nehmen zu, auch
mental wird es schwierig. Mit diesen Experten-Tipps bin ich dennoch beim Training drangeblieben.


Es war früher Nachmittag, als mich Mitte August die Mail erreicht hat. Ich überflog sie nur kurz, aber was mir im Gedächtnis geblieben ist, ist dieser eine Satz: „Denn weniger ist nun langsam mehr.“ Das las sich gut, weil es übersetzt für mich hieß, dass ich nicht mehr so viele Kilometer im Training laufen müsste, wie noch in den Wochen zuvor.

Ich spürte eine gewisse Freude und Erleichterung – insbesondere vor dem Hintergrund, dass ich tags zuvor knapp 21 Kilometer gelaufen war, also einen Halbmarathon. Und der wirkte nach.

Die Mail kam von Angela Hänsel. Sie arbeitet für SCC EVENTS, den Organisator des Berlin-Marathons. (https://www.scc-events.com/) Hänsel ist diplomierte Sportwissenschaftlerin und ehemalige Leistungssportlerin. Sie unterstützt mich bei einem Projekt, dass Ende März mit dem ersten Training für den Marathon am 24. September in Berlin begann. Ein gutes halbes Jahr vorher, sagen Experten, sollte man mit dem Training für die 42,195 Kilometer lange Strecke beginnen. Im September 2003 habe ich die Distanz schon einmal zurückgelegt: Vier Stunden und 28 Minuten brauchte ich damals.

Nun, nach 20 Jahren möchte ich es noch einmal wissen. Ich bin 52 Jahre und würde behaupten, dass ich sportlich bin. Bevor ich angefangen habe für den Marathon zu trainieren, bin ich regelmäßig zwei-, dreimal die Woche gelaufen, immer so zwischen fünf und acht Kilometern pro Einheit. Ich habe zusätzlich die Tiefenmuskulatur trainiert – und mache seit vier Jahren einmal die Woche Yoga. Auch wenn der Weg zu meinem ersten Marathon damals ein harter, zeitintensiver war und ich danach eigentlich keinen Drang verspürt habe, diesen langen Trainingsweg noch einmal zu gehen, kam doch irgendwann die Lust, es noch einmal zu wagen.


Ein Zwicken im Fuß, ein Ziehen in der Wade
Ich muss mir nichts beweisen, denn ich habe es ja schon einmal geschafft. Aber ich bin Sportler, im weitesten Sinne. Ich schreibe über Sport – und ich treibe Sport. Was Sportler beim Sport eint, sind Ziele.

In wenigen Tagen ist es so weit. Die Aufregung steigt, zumal ich mich in den vergangenen Wochen immer öfter dabei erwischt habe, wie ich in meinen Körper hineinhöre. Plötzlich spürte ich ein Zwicken am Spann des rechten Fußes, dann mal ein Ziehen in der Wade – oder sogar einen stechenden Schmerz im Knie. Mal im linken, mal im rechten. Die Gedanken kreisten, mental war es plötzlich auch ganz schwierig.

Auf einmal war ich mir nicht mehr sicher, ob das reale Schmerzen sind – oder ich mir das alles nur einbilde. Letzteres möglicherweise, weil der Startzeitpunkt nun immer näher rückt. Ich habe nun angefangen, mich noch intensiver zu dehnen, mich hier und da etwas zu schonen, den Umfang als auch die Intensität zu reduzieren.

Tipps vom Experten
Ende August kontaktierte ich erneut Dr. Fernando Dimeo. Er hatte mich im Frühjahr untersucht. Wir telefonierten miteinander. Er arbeitet im Sport-Gesundheitspark (https://www.sportgesundheitspark.de/) auf dem Gelände des Olympiastadions zu Berlin.

WELT: Herr Dimeo, wie verhält es sich in den letzten Wochen vor einem Marathon mit dem Umfang des Trainings. Es heißt oft, man sollte dann etwas kürzertreten.

Dimeo: Es ist wichtig, dass man auch schon zuvor immer mal wieder den Umfang reduziert hat. Vor allem aber darf man nicht gleichzeitig Umfang und Intensität erhöhen. Wenn sie beispielsweise vorhaben, die Intensität zu erhöhen, also die Laufgeschwindigkeit, dann ist es wichtig, dass sie das Laufvolumen reduzieren. Denn sie werden insgesamt nicht leistungsfähiger durch das Training an sich, denn danach sind sie müde. Das ist völlig normal. Sie werden leistungsfähiger, wenn sie sich ausreichend erholen. Wenn sie zehn Kilometer laufen, sind sie danach nicht belastbar. Sie werden erst belastbarer, wenn sie sich von dem Training gut erholt haben. Denn der Körper sendet Signale, dass er müde ist. Wenn sie heute beispielsweise im Stande waren, 30 Minuten zu joggen und sich im Nachgang erholen, etwas essen und trinken, sind sie in der Lage, beim nächsten Mal ein, zwei Minuten mehr zu laufen. Sie werden besser. Aber es bedeutet dennoch nicht, dass sie dann automatisch in 100 Tagen fähig sind, vier Stunden locker am Stück zu laufen.

WELT: Wieso?

Dimeo: Weil die Belastbarkeit nicht von Lauf zu Lauf zunimmt, sondern von Woche zu Woche, von Monat zu Monat.

WELT: Wie wichtig sind aus medizinischer Sicht in den Wochen unmittelbar vor einem Wettkampf auf die Signale des Körpers zu achten?

Dimeo: Die letzten vier Wochen sind genauso wichtig wie die ersten. Sie müssen ihrem Körper stets Erholungsphasen geben. Man redet ab und an von Übertraining, d.h., wir muten dem Körper zu viel zu und meinen, man müsse doch in der Lage sein, jetzt viel zu leisten, weil wir doch so viel und so gut trainiert haben. Man kann und soll aber das Training nicht unendlich erhöhen, weil sie sonst – mal auf einen Marathon bezogen – nach 30 Kilometern platt sind. Ich kann ihnen mal ein Beispiel geben.

WELT: Bitte.

Dimeo: Ein Freund hat sich auf einen Marathon vorbereitet. Er hat gut trainiert und ist dann mit seiner Familie von Argentinien nach Frankreich geflogen. Langer Flug, Zeitumstellung. Auf seinem Trainingsplan stand ein 30-km-Lauf. Als er in Paris war, ist er dort morgens um 7 Uhr – da war es in Buenos Aires, wo er noch tags zuvor war, zwei Uhr nachts – joggen gegangen. Nach dem Lauf war er platt und hat sich davon nicht mehr erholt. Das ganze Training vorher war umsonst.

WELT: Wie verhält es sich mit der Ernährung – gilt es da, etwas zu beachten.

Dimeo: Auch da gilt, nichts groß in den letzten Wochen zu ändern. Wichtig ist natürlich, ausreichend Kohlenhydrate zu essen, um den Energiehaushalt zu unterstützen, denn sonst kommt nach knapp 30
Kilometern der Mann mit dem Hammer. Pasta, Reis oder Kartoffeln (https://www.welt.de/themen/kartoffeln/) sind gut. Geheimrezepte, besondere Tipps gibt es da nicht, weil es klar ist, dem Körper ob der hohen Belastung entsprechend mit Dingen zu versorgen, die für ausreichend Energie beim Lauf sorgen.

 

Training in den Bergen und am Wasser
Im Juli hatte ich das Training teilweise nicht in Berlin absolviert. Im Urlaub ging es raus aus der Stadt. Erst in die Berge nach Südtirol, dann ans Wasser nach Ligurien und am Ende nach Niederbayern. Die
Abwechslung tat gut. Auch wenn ich in Berlin nicht nur eine Strecke laufe, waren es die neuen Eindrücke, die mich etwas beschwingter haben laufen lassen. Für die Zeit in den Bergen baute Angela Hänsel das Wandern in den aktuellen Plan ein. Sie nannte es die „regenerative Wanderwoche“

Es gab also kein Fahrtspiel, keine Tempo- oder Dauerläufe: das Wandern war das Training und förderte meine Ausdauer. Vier Tage ging es jeweils morgens nach einem ausgiebigen Frühstück auf einem
Bauernhof wandern im Schnalstal. Manche Strecken waren anspruchsvoll, teils mit bis zu 13,14 Kilometern. Zwischen 400 und 600 Höhenmeter mussten mitunter überwunden werden. Es lief sehr gut, einzig die steilen Anstiege spürte ich etwas mehr – und auch die Knie, wenn es abwärts ging.

Selbst morgens um 7.00 Uhr war es schon heiß
In Bonassola, wohin es uns im Anschluss verschlagen hat, setzte ich meine gewohnten Laufeinheiten fort. Nach der Ankunft ein erster lockerer Lauf über sieben, acht Kilometer. Dann immer etwas mehr.

Das Laufen an sich lief gut, ohne Schmerzen, ohne Probleme, die einzige Herausforderung aber bestand aufgrund der Wetterbedingungen darin, den perfekten Zeitpunkt zu finden. In Ligurien sind im Sommer im Schnitt 32 Grad, dazu herrscht eine große Luftfeuchte. Selbst morgens um 7.00 Uhr, wenn ich meine Laufsachen anzog, perlte der Schweiß schon ein wenig von der Stirn. Ich lief meist auf der Strandpromenade entlang oder durch die Tunnel, die es in den Bergen an der Küste gibt, die Dörfer bzw. kleine Städte miteinander verbinden. Es war grandios, dahindurch zu laufen, die etwas kühlere Luft auf der Haut zu spüren. Ich war selten allein, passierte Einheimische oder Touristen.

Zurück in Berlin riss ich Woche für Woche die Kilometer ab. Das klappte gut, aber ich merkte, wie ich mental in ein Loch fiel. Ich verlor die Lust am Laufen, fragte ich mich mehr und mehr, wozu ich das eigentlich alles mache. Vielleicht kamen (und kommen) all die Gedanken aber auch, weil der Marathon in greifbarer Nähe ist. Was die eingangs von mir erwähnte E-Mail betrifft: Ich bin zwar weniger Kilometer gelaufen, weil, so schrieb mir die Trainerin ja, weniger mehr sei. Aber das „Weniger“ fühlte sich nicht wenig an, da das Wochenpensum mit bis zu 40 Kilometern und mehr am Ende schon ziemlich hoch war.

Ob es was gebracht hat? Am 24.9. weiß ich mehr.

Nicht fündig geworden?

 

Testansprechpartner rund

 Sind Sie bei Ihrer Suche nach einem passenden Angebot nicht fündig geworden?

Gern beraten wir Sie natürlich auch persönlich, denn in einem Gespräch können
wir noch besser auf Ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche eingehen!

Kontaktieren Sie uns unverbindlich!

Charlottenburg        Tel.: 030 818 120 
Hohenschönhausen     Tel.: 030 726 267 2-19
Wedding     Tel.: 030 450 835 50
Wilmersdorf     Tel.: 030 897 917 0
Zehlendorf     Tel.: 030 847 195 50