BZ, 13. November 2022

Diskussion um Verbot

Von Björn Trautwein und Mary-Lou Künzel

Immer mehr Menschen essen zu viele Süßigkeiten und sind in jungen Jahren schon übergewichtig. Woran liegt das?

 


Haribo, Kinderschokolade, Dickmanns. Wer die Kinder beim Sportkurs Fidelio in Wilmersdorf nach ihren Lieblingssüßigkeiten fragt, bekommt sofort eine lange Aufzählung.

Kinder lieben Süßes und die Werbung dafür. Rund 15 solcher Spots sehen Kinder im Schnitt jeden Tag! Zumindest noch. Denn wenn es nach dem Willen von 38  Kinderschutz- und Ernährungsorganisationen (darunter Ärzteverbände und Krankenkassen) geht, soll damit bald Schluss sein.

In einem gemeinsamen Appell fordern sie: Keine Werbung für ungesunde Lebensmittel in TV und Internet zwischen 6 und 23 Uhr und eine Bannmeile von 100 Metern rund um Schulen, Spielplätze und Kitas, in der keine Werbeplakate mehr für Süßes hängen.
Maite (29) und Robin (31) mit Tochter Emmi (5) und Sohn Alba (1) aus Tempelhof: „Theoretisch sollen sie nur am Wochenende naschen, aber das klappt nicht immer. Sie haben keinen eigenen Zugriff, aber wenn sie fragen, können wir nur schwer Nein sagen. Werbung schauen wir nicht, deswegen kommt Lust auf Süßigkeiten eher bei Geburtstagen.“

In der Turnhalle in Wilmersdorf findet das volle Zustimmung. Denn hier bei Fidelio turnen Kinder, die wegen zu wenig Bewegung und zu vieler Süßigkeiten Übergewicht haben. Hürgül Demirbas (44) aus Charlottenburg kommt mit ihrer sechsjährigen Tochter seit einem Jahr zu der Gruppe: „Mit fünf Jahren hat sie schon 33 Kilogramm gewogen, deshalb hat uns der Arzt geraten, etwas zu unternehmen.“

Sie findet: „Werbung für Süßigkeiten sollte verboten werden, den Kindern schadet das nur.“ Der Meinung ist auch Nicole Henschel (38). Ihr Sohn Elchin (8) trainiert ebenfalls bei Fidelio, schwitzt gerade beim Bällewerfen: „Werbung ist sicher nicht alleine schuld daran, wenn Kinder dick werden“, sagt sie, „aber wie bei Zigaretten sollte man für ungesunde Lebensmittel keine Werbung machen.“

Die Zahlen geben ihnen recht: Rund 15 Prozent der Drei- bis Siebzehnjährigen in Deutschland sind übergewichtig, davon sind fast sechs Prozent adipös (fettleibig). Und durch Corona könnte sich das noch verschärft haben. Eine Forsa-Umfrage unter 1006 Eltern ergab diesen Sommer: 32 Prozent der zehn bis 12-jährigen Kinder in Deutschland sind seit Beginn der Pandemie dicker geworden, 44 Prozent bewegen sich weniger als zuvor und rund ein Viertel isst mehr Süßigkeiten als vor der Pandemie.

Fidelio-Projektleiter Endré Puktas (62): „Kinder essen zu viele ungesunde Sachen und bewegen sich zu wenig. Alleine in Berlin sind 9000 bis 12.000 Kinder schwer übergewichtig.“

Ärzte schlagen deshalb schon lange Alarm. Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, zur B.Z.: „Wir sehen eine riesige Zunahme an Adipositas und schlechtem Essverhalten bei Kindern und Jugendlichen.“

Er bemängelt: „Die Industrie gibt rund eine Milliarde Euro pro Jahr alleine in Deutschland für diese Art von Werbung aus. Das ist eine Riesen-Lobby. Wenn wir das Geld stattdessen in die Gesundheit stecken würden, wäre viel erreicht.“

Widerspruch kommt dagegen von Werbern. Dr. Bernd Nauen, Geschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft: „Die Gründe für kindliches Übergewicht sind vielschichtig. Nicht ein Kind in Deutschland wird durch Werbeverbote im Lebensmittelbereich schlanker.“ Er sagt: „Die Kategorie ‚ungesunde Lebensmittel‘ gibt es nicht und sie wäre auch Unsinn, weil jedes Lebensmittel in Maßen konsumiert in eine ausgewogene Ernährung passt.“

Doch Experten und die Bundesregierung sehen das anders. Ernährungs- und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) will die Werbung regulieren. Im Koalitionsvertrag von FDP, Grünen und SPD heißt es: „An Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt darf es in Zukunft bei Sendungen und Formaten für unter 14-Jährige nicht mehr geben.“

Eine Sprecherin des Ministeriums bestätigte der B.Z.: „Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft arbeitet derzeit mit Hochdruck an der Umsetzung dieses Vorhabens.“

Presseartikel als PDF (464KB)

Quelle: https://www.bz-berlin.de/berlin/macht-werbung-unsere-kinder-dick

 

Nicht fündig geworden?

 

Testansprechpartner rund

 Sind Sie bei Ihrer Suche nach einem passenden Angebot nicht fündig geworden?

Gern beraten wir Sie natürlich auch persönlich, denn in einem Gespräch können
wir noch besser auf Ihre individuellen Bedürfnisse und Wünsche eingehen!

Kontaktieren Sie uns unverbindlich!

Charlottenburg        Tel.: 030 818 120 
Hohenschönhausen     Tel.: 030 726 267 2-19
Wedding     Tel.: 030 450 835 50
Wilmersdorf     Tel.: 030 897 917 0
Zehlendorf     Tel.: 030 847 195 50