Tagesspiegel, 18. Juni 2021

Die Folgen der Pandemie : „Wer früher leichtes Übergewicht hatte, ist jetzt häufig adipös“

Rund 12 000 Kinder und Jugendliche in Berlin sind übergewichtig. Sportwissenschaftler Endré Puskas weiß viel über die „sitzende Indoor-Generation“


Viel Spaß und viele kleine Erfolge. Das Fidelio-Programm hat ein besonderes Konzept: Dazu gehört etwa ein schnelles Wechseln und Kombinieren vieler verschiedener Sportarten. Das Sportangebot verteilt sich auf zwei Hallen, eine große Rasenfläche, einen Ergometer-, einen Gymnastikraum und ein Schwimmbad. © Fidelio


 


Laut der aktuellsten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) sind 15,4 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig oder sogar fettleibig. Und das sind Zahlen von vor der Pandemie. Seitdem haben sich Kinder laut einer Studie der Universität München bis zu 60 Prozent weniger bewegt. Experten schätzen, dass etwa eine halbe Million Kinder  in Deutschland durch die Pandemie übergewichtig geworden sind.


Herr Puskas, Sie betreuen das Fidelio-Programm, das übergewichtigen Kindern beim Abnehmen hilft. Was hat sich durch die Pandemie verändert?

Das Fidelio-Programm war zum Glück nicht so stark von den Einschränkungen betroffen, weil unsere Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit hatten, mit einer ärztlichen Verordnung weiterzutrainieren. Das haben etwa zwei Drittel genutzt. Was es mit dem anderen Drittel gemacht hat, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, denn erst jetzt können ja wieder alle zusammen trainieren. Einer unserer Sportwissenschaftler schreibt gerade eine Bachelorarbeit darüber, was mit den Kindern passiert, die ein halbes Jahr oder länger ausgesetzt haben. Die Evaluation ist noch nicht beendet. Es zeichnet sich aber ab, dass bestimmte Verhaltensmuster, die wir mit den Kindern erarbeitet hatten, nach einigen Monaten verloren gehen – wenn sie zehn bis zwölf Stunden täglich nur noch Computerspiele spielen. Da sind auch einige Kilos schnell wieder drauf.


Zwölf Stunden vor dem Computer?

Ja, das ist durchaus üblich. Es handelt sich um die sitzende Indoor-Generation - leider muss man das so nennen. Und wir alle wissen, durch Sitzen verbrauchen wir ganz wenig Energie. Sitzen ist schlimmer als Rauchen, weil die Folgen so schleichend kommen. Die meisten Jugendlichen wissen nicht, was dadurch auf sie zukommt: Probleme mit Gelenken, mit der Bandscheibe. Diabetes. Wir werden die Auswirkungen von Corona erst in sieben bis acht Jahren richtig zu sehen bekommen. Das werden auch zunehmend koordinative Defizite sein, etwa dass die Kinder nicht mit einem Ball umgehen können. Wir befürchten, dass die nächste KiGGS-Studie 2022 uns richtig überraschen wird. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit leichtem und mittlerem Übergewicht war stabil die letzten Jahre, allerdings gab es bei Adipositas, also bei starkem Übergewicht, auch vor der Pandemie schon einen starken Anstieg. Gerade bei den Jugendlichen in Berlin konnte man das beobachten. Zwischen zwölf und 13 Jahren, also wenn die Kinder in die Pubertät kommen, verlassen viele leider die Sportvereine wieder. Das hat dann auch Auswirkungen auf das Gewicht. Meine Einschätzung ist, dass viele der Kinder, die vor der Pandemie leichtes oder mittleres Übergewicht hatten, jetzt im adipösen Bereich liegen.


Haben Sie jetzt noch Kapazitäten, um Familien, deren Kinder in der Pandemie übergewichtig geworden sind, zu helfen?

Bei uns trainieren zurzeit 250 Kinder, wir haben noch Kapazitäten für 40 bis 50 zusätzliche Kinder. Aber dann sind unsere Möglichkeiten an unserem Standort in Wilmersdorf erschöpft. Da die Nachfrage hoch ist, haben wir seit Beginn des Jahres eine Kooperation mit dem Bezirksamt Spandau. Der Bezirk möchte sich vermehrt in dem Bereich engagieren. Dort haben wir jetzt in Spektefeld (im Ortsteil Falkenhagener Feld, die Red.), wo es besonders notwendig ist, weil dort ein sozialer Brennpunkt liegt, erst mal angefangen, in einer Halle die ersten übergewichtigen Kinder einzusammeln. Wir sind dabei über die Kinderärzte gegangen, die den Eltern unser Programm empfohlen haben. Dort haben wir auch Kinder mit leichtem bis mittlerem Übergewicht dabei. Wenn wir da jetzt nichts machen, dann kann daraus leicht Adipositas werden. Es ist das erste Mal, dass wir unser Programm außerhalb unseres Stammhauses in Wilmersdorf anbieten, um den Zugang zum Programm direkt vor Ort zu erleichtern. Einige Eltern sind bereit, längere Anfahrtswege für ihre Kinder in Kauf zu nehmen, aber besonders in den sozial schwierigeren Gebieten muss man vor Ort präsent sein. Ich gehe davon aus, dass andere Bezirke auch Interesse an einer solchen Kooperation haben könnten. Im Moment sind wir bei 5,5 bis sechs Kilo Gewichtszunahme durch die Pandemie, im Schnitt für Berliner aller Altersgruppen zusammengerechnet, inklusive der Erwachsenen. Das bedeutet, dass es Spitzenwerte von zehn bis 15 Kilo gibt, das ist eine Menge.


Könnten Sie das leisten – auch in anderen Bezirken vor Ort zu sein?

Wir versuchen, unser Personal zu erweitern, neue Sportwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche sowie Adipositas auszubilden. Mittelfristig könnten wir in weiteren Bezirken beginnen. Der Bedarf ist riesig. Wir reden von 10 000 bis 12 000 Kindern und Jugendlichen mit entsprechenden Gewichtsproblemen in Berlin. Einige schätzen, dass es noch mehr sind. Therapieplätze sind rar, ich schätze, es gibt 100 Plätze in Berlin, hinzu kommen dann die 250 Plätze in unserem Sport- und Bewegungsprogramm Fidelio. Vor mittlerweile 25 Jahren sind wir mit Fidelio an den Start gegangen – wir dachten damals, dass das Thema in Zukunft einmal wichtig werden könnte. Da war der Bedarf noch nicht so groß. In den letzten 15 Jahren zeigte sich dann mehr und mehr Nachfrage, jetzt ist diese regelrecht explodiert. Die Kinder bewegen sich kaum noch außerhalb der Schule. E-Sport ist dazugekommen – das ist eine sehr passive Form von Sport, bei der nur der Zeigefinger bewegt wird.


Wann ist ein Kind übergewichtig – wann müssen Eltern etwas unternehmen?

Das ist schwer zu sagen. Ich arbeite nicht mit Begriffen wie normalgewichtig. Meistens ist es eine Wahrnehmung. Es ist immer eine Grauzone. Der Kinderarzt muss eine Empfehlung aussprechen, wenn das Kind über der obersten Perzentile liegt. Die Frage ist dann: Kriegt das Kind die Kurve, Sport zu machen und andere Verhaltensmuster wieder abzuschaffen?


Kinderärzte raten dann normalerweise, das Kind solle einfach irgendeinen Sport treiben. Ist das der richtige Weg?

Wenn ein Kind übergewichtig ist und es fängt an mit Basketball, Handball oder Fußball, hat es dort meist keine Erfolge und keinen Spaß. Viele hören dann schnell auf. Schon bei mittlerem Übergewicht kann das passieren. Bei Fidelio ist das anders, hier hat jedes Kind die Möglichkeit, Erfolge zu sammeln. Alle Kinder und Jugendlichen sind in einem Boot, und unser Bewegungsansatz, ein schnelles Wechseln und Kombinieren vieler verschiedener Sportarten, macht Spaß und bringt schnelle Erfolgserlebnisse.


Wie gehen Sie vor, wenn ein Kind neu zu Ihnen kommt?

An erster Stelle steht ein Beratungsgespräch mit Kind und Eltern. Da muss ich das Kind überzeugen, es motivieren, ihm zeigen, dass ich es gern dabeihaben möchte. Ziel ist, dass das Kind selbst entscheidet: Da möchte ich mitmachen. Eigenmotivation wecken ist wichtig für den Erfolg des Programms. Und die Mütter muss ich beruhigen, sie machen sich häufig viele Vorwürfe. Ich sehe fast immer Mütter, selten Väter. Ab 15, 16 kommen die Jugendlichen auch allein. Will das Kind wirklich mitmachen, suchen wir eine passende altersgerechte Gruppe.


Ist es ein Problem, Kinder mit „neuem“ Übergewicht zu integrieren?

Das ist eigentlich kein Problem. Die Kinder merken schnell, dass alle so aussehen wie sie. Hier ist jedes eines von vielen. Das Spielprogramm, das wir entwickelt haben, ist darauf aus, schnelle Erfolge in kürzester Zeit zu haben. Das heißt, das Kind wird schnell integriert, wird wahrgenommen und spürt Erfolge. Es dauert meist zwei Monate, bis ein Kind sich integriert hat. Wenn Eltern allerdings Druck machen, zu viel fordern, werden sich Kinder immer mehr zurückziehen. Den Leidensdruck haben meist die Eltern. Den dürfen sie den Kindern nicht weitergeben.


Sie holen also die Eltern mit ins Boot. Sind die auch oft übergewichtig?

Ich habe hier sehr unterschiedliche Eltern. Eine Mutter – ausgerechnet eine Ernährungswissenschaftlerin – kam zum Beispiel mit drei Kindern: Sie hatte ein sehr mageres Kind, ein normalgewichtiges und ein adipöses – und kochte für alle dasselbe. Ausschlaggebend ist nicht so sehr die Ernährung, sondern eher die Bewegung und die Gewohnheiten, zum Beispiel wie viel ein Kind fernsieht und am Computer spielt. Mit einer reinen Änderung der Ess- und Trinkgewohnheiten werden Sie das Kind nicht erreichen. Die offene Tür ist Sport und Bewegung. Über diese offene Tür kann man auch Fragen der Ernährung an sie heranbringen. Ihnen beibringen: Was bedeutet es, Süßigkeiten zu essen? Wie viel Energie muss man danach loswerden? Was versteckt sich in der Pizza? So kann man kindgerecht Ernährungsprinzipien transportieren. Die Kinder kochen bei uns auch direkt nach dem Sportkurs im Team mit einer Ernährungsberaterin. Man muss schon auf beides setzen – Sport und Ernährung. Aber mit der richtigen Herangehensweise, und ohne Druck. Dann funktioniert’s. Endré Puskas ist Sportwissenschaftler und Leiter des Fidelio-Programms im Sport-Gesundheitspark Berlin e.V.


Das Gespräch mit
ihm führte Daniela Martens.

 

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