rbb PRAXIS, 16. November 2016

Der Kampf gegen den Krebs verlangt Patienten und ihren Angehörigen alles ab und kostet Kraft. Die Erschöpfung nach Chemo- oder Strahlentherapie kann auch krankhaft werden - zur sogenannten krebsassoziierten Fatigue. Bis zu 80 Prozent der Patienten sind betroffen. Aber neue Studien zeigen, dass ein ganz bestimmtes Maß an Bewegung helfen kann.


Mit Strahlen- und Chemotherapie fährt die Medizin seit Jahrzehnten einige ihrer härtesten Geschütze auf, um wuchernde Zellen im Körper zu bekämpfen und zu zerstören. Der Einsatz dieser Methoden ist allerdings in den vergangen Jahren immer zielgenauer und tendenziell schonender geworden. Trotzdem leiden laut der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) 60 bis 80 Prozent aller Krebspatienten während oder nach ihrer Therapie an der sogenannten krebsassoziierten Fatigue.

Die Symptome sind vor allem Antriebslosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, aber auch Schlafstörungen und Kopfschmerzen - diese Symptome halten bei den Betroffenen auch noch lange über eine rein körperliche Regenerationsphase nach der Strahlen- und Chemotherapie hinaus an.

Die Ursachen, insbesondere konkrete Auslöser, sind noch unbekannt. Allerdings konnten mehrere Studien bei Betroffenen z.B. Veränderungen der Hirnchemie (Neurotransmitterhäufigkeit) und teilweise auch der Durchblutungsstruktur im Hirn nachweisen. Gerade bei Tumorpatienten kann auch eine Anämie, also Blutarmut auftreten. Einige Forscher sehen einen Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und dem bei Fatigue-Patienten oft lange nach der Therapie noch gestörten Ruhe/Aktivitätsrhythmus, insbesondere durch Schlafstörungen. Aber die genaue Verbindung ist noch unbekannt.

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Anspannen oder Entspannen

Auch wenn viele der Symptome an die einer klassischen Depression erinnern, unterscheidet sich die krebsassoziierte Fatigue laut vielen Experten von bekannten Depressionsformen - z.B. auch in der Hinsicht, dass Antidepressiva bei sogenannten Cancer-Fatigue-Patienten oft eben nicht anschlagen.

Aktuelle Studien am Krebsforschungszentrum Heidelberg belegen aber: Bewegung kann helfen. In mehreren Studienreihen mit jeweils zwischen 150 bis 160 Brustkrebspatientinnen fanden die Forscher heraus, dass aktives Muskeltraining während und nach der Strahlen- und/oder Chemotherapie dazu führte, dass bei signifikant weniger Patientinnen Cancer-Fatigue auftrat. Bei denjenigen, bei denen sich die Symptome zeigten, konnten sie durch mäßigen Sport gelindert werden. Der Vergleich mit zwei Testgruppen konnte den Forschern zufolge zeigen, dass dieser positive Effekt kein rein psychischer war. Wie genau aktives Training wirkt, versuchen die Wissenschaftler allerdings noch herauszufinden.

In der Studienreihe wurde sogenanntes "resistance exercise" bei der aktiven Gruppe eingesetzt. Also Trainingsmethoden, bei denen die Muskeln gegen einen Widerstand von außen wirken müssen, zum Beispiel elastische Trainingsbänder oder Gewichte. Der Effekt zeigte sich in anderen Studien aber auch bei Patienten, die Yoga machten, Walken gingen oder wanderten oder z.B. Fahrrad fuhren oder schwammen. Kurz: Ein mäßiges Ausdauertraining kombiniert mit leichtem Krafttraining ein bis zwei Mal in der Woche erzielte die besten Effekte.

Der Balanceakt

"Einfach mal Sport machen" ist allerdings laut Experten der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie nicht die Lösung und kann sogar gefährlich werden. Denn: Krebspatienten können sich nach der Strahlen- und Chemotherapie auch schnell übernehmen. Der DEGRO-Präsident und Ärztliche Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie vom Universitätsklinikum Heidelberg rät deshalb Patienten dazu, den Körper nicht auszupowern, sondern nur maximal 80 Prozent der vermeintlichen Leistungsfähigkeit auszuschöpfen. Besonders dafür geeignet sind Krebssportgruppen, in denen speziell auf die Bedürfnisse von Krebspatienten eingegangen werden kann.

Beitrag von Lucia Hennerici

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